Die Kantine: ein Gegenwartsbericht über die Kantine in Deutschland

(Foto: foto.bulle)

Die Kantine hat eine lange Tradition, was allerdings nicht bedeutet, dass sie deswegen auch besonders beliebt wäre. Auf den Punkt gebracht, hatte die Kantine die längste Zeit nicht den besten Ruf, was seine guten Gründe hatte. Doch es hat sich einiges geändert: die Kantine ist nicht mehr das, was sie einmal war. Und das spiegelt sich nicht nur in der neuen Bezeichnung wieder: die Kantine ist nämlich zum „Casino“ geworden.

Diese Umbenennung werden die meisten passionierten Kantinengänger sicherlich bemerkt haben. Interessant daran ist, dass diese Namensänderung nicht von Ungefähr kommt. Die Kantine ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht nämlich entlehnt aus dem französischen „cantine“, was soviel bedeutet wie Vorratsbehälter bzw. Soldatenschenke. In Deutschland stand das Wort während des 18. Jahrhunderts zunächst für die Feldflasche, wurde dann aber im 19. Jahrhundert für Soldatenschenke verwendet, sodass von da an der Essraum der Mannschaften als Kantine bezeichnet wurde. Während die Kantine damals die Soldaten verpflegte, wurden die Offiziere hingegen im sogenannten „Kasino“ verköstigt. Wenn der neue Name also hält, was er verspricht, dann sind wir offensichtlich alle kulinarisch befördert worden und müssen nun nicht mehr in die Kantine, sondern dürfen im Kasino essen.
Die Kantine hat aber nicht nur ihren Namen geändert, sondern auch die Speisekarte ist kreativer geworden. In manch einer Kantine, kann man sogar fast wie im Feinschmeckerrestaurant essen und das für einen Bruchteil des Geldes. Dabei hat sich nicht nur die Qualität des Essens deutlich verbessert, sodass ausgewogene Ernährung und Kantinenessen nicht mehr automatisch einen Widerspruch darstellen. Auch das Design und die Einrichtungen der Speiseräume hat eine deutliche Veränderung mitgemacht. Die Kantine mit orangefarbenen Plastikstühlen und grauen Tischen ist vom Aussterben bedroht, denn Designerkantinen sind auf dem Vormarsch. Vorreiter auf diesem Gebiet sind große Firmen, die entdeckt haben, dass sich ein hübscher Speiseraum nicht nur positiv auf die Laune der Mitarbeiter auswirkt, sondern auch gut fürs Image ist. So hat sich zum Beispiel die Dresdner Bank in Frankfurt a.M. an den Künstler Tobias Rehberger gewandt, der aus der unternehmenseigenen Kantine eine Art Kunstwerk geschaffen hat. Dort können die Mitarbeiter sich nämlich jeden Tag aufs neue aussuchen, ob sie in New York, Tokio oder Shanghai essen wollen. Ins Flugzeug steigen müssen sie dafür aber nicht, denn das redesignte Casino von Rehberger bietet acht Städte an einem Ort. Doch nicht nur im Frankfurt hat die Kantine fast schon Kultcharakter.
Der Kantinenrestaurantführer diekantinen.de testet regelmäßig deutschlandweit Kantinen und vergibt punktemäßig seine „Chillies“. Daraus ergibt sich dann die TopTen der deutschen Kantinen, wobei nicht nur die Speisen, sondern auch der Service und das Drumherum bewertet werden. Derzeit rangiert auf dem ersten Platz eine Hauptstadtkantine, wobei es sich um keine geringere handelt, als die Kantine im Angeordnetenhaus von Berlin.
Auch wenn nicht alle Kantinen hierzulande Spitzenküche anbieten: täglich essen bis zu 15 Millionen Deutsche in den rund 12.000 Kantinen. Dabei ist nach wie vor ein Gericht die unangefochtene Nummer eins unter den Kantinengerichten. Allerdings ist dies nicht der grüne Salat oder ein Fischgericht. Nein, es ist ein echter Klassiker, der die meisten Deutschen in die Kantine zieht und zwar das altbekannte Wiener Schnitzel mit Pommes oder Bratkartoffeln. Die Deutschen mögen es eben doch deftig. Gefolgt wird das Schnitzel dann von den Alltime-Favorites wie Pasta – in allen Variationen – und Pizza.
Da kann sich die Kantine also auf den Kopf stellen, manche Dinge ändern sich eben doch nicht.